Beziehung, Partnerschaft, Ehe, Familie, Schule und Erziehung   -   Gesundheit, Krankheit, Schmerzen und Krisen   -   Liebe, Konflikte, Versöhnung und Einigung   -   Arbeit und Freizeit   -   Spiritualität, Sinn, Suche und Wege  -   hier:  22Das versteckte Vergnügen
 

Zurück ] Home ] Weiter ]
 
   

 

Partnerschaft 

Wie geht das ? - 22

  

Das versteckte Vergnügen

 

"Ich sitze", erzählt Mario, "in diesem fremden Land, unter fremden Menschen, in einer fremden Umgebung, höre einen fremden sprachlichen Sing-sang und warte auf das bestellte Essen. Ich habe keine Ahnung, was es sein wird. Ich spüre meinen Hunger, meine neugierige Erwartung und auch ein bisschen ängstliches Zittern. Und - da kommt er schon, der Ober, mit einem Teller - groß, mit einem etwas tieferen Teil, am Rande mit Girlanden und Mustern 

                                   verschiedenster Farben verziert - und - einem    
              grau-grün-weißlichen
Inhalt. Undefinierbar - aber wohl zum Essen.
Der Ober serviert mit der Grandezza eines Kavaliers alter Schule, verneigt sich weich und sagt etwas. Er hat eine angenehme Stimme und einen freundlichen Ton, auch wenn ich nicht verstehe, was er sagt. Dann wendet er sich tänzelnd ab - und ich wende mich dem Essen, was immer es sein mag, zu.
Probiere - schmecke - rieche - verziehe verwundert das Gesicht.
Die Nase ist kritisch nach oben gezogen und ich probiere nochmals - und jetzt ärgere ich
mich über den Fraß, wie ich das Essen innerlich bezeichne. Und - um nicht ungerecht zu sein, probiere ich nochmals - und knalle dann angewidert das Besteck auf den Tisch, einen Geldschein daneben, stehe auf und verlasse zornig das Restaurant. - Ärgerlich - und nach wie vor hungrig. 
Und ich denke: "Vielleicht wäre es doch besser gewesen, zuhause geblieben zu sein!"

Und auch draußen - diese lärmenden Menschen, diese grellen Farben, diese schrillen Töne - und diese Hitze - widerlich!
Ich bin eingehüllt von Leibern, Gerüchen und Geräuschen - aufgesogen.
Wie und wohin entrinnen?

Da spüre ich, wie eine Hand meinen Ellenbogen berührt. Ich zucke zusammen, fürchte "Jetzt will mich auch noch jemand bestehlen!?" und schaue mich abweisend um.
Ich blicke in das freundlich lächelnde Gesicht eines schlanken, dunkelhäutigen Mannes. Seine hellen Jeans, sein bunt-farbiges Hemd und sein breitrandiger, etwas ausgefranster Strohhut fallen mir auf. Leichte Riemchen-Sandalen hängen an seinen bräunlich-schwarzen, nackten Füßen, die an den Seiten und zwischen den Zehen heller zu sein scheinen.
"Effendi", beginnt der Fremde, "darf ich dich zu einem kleinen Spaziergang im Schatten unseres Stadtparks einladen?" 
"Ja - ja!", stottere
ich verdutzt. 
Er spricht fließend Deutsch - mit einem
leichten Singen in der Stimme. Fremd - und auch wieder vertraut - und auch wieder angenehm.
Wie selbstverständlich schiebt er seinen Arm unter meinen - und während er, wie von selbst die Richtung bestimmt, gehen wir weiter. Schon nach wenigen Minuten werden Bäume und Sträucher immer mehr und immer dichter und wir gehen hinein in den schützenden Schatten dieser Oase. Wohltuend! Ich nicke und lächle meinem Begleiter zu. Er schmunzelt verstehend und schlägt vor: "Wollen wir uns ein wenig auf eine Bank setzen?"
"Gerne!" - 
Und nun sitze ich neben ihm, atme den kühlen, würzigen Schatten,
sehe die bunte Vielfalt der Blüten und spüre die Nähe des Fremden. 
"Effendi - das Essen hat dich enttäuscht - du hast es stehen lassen und bist gegangen."
Ich wende mich ihm zu und frage: "Hast du das gesehen?" 
Er nickt und sagt: "Ja - Effendi!" - dann fährt er fort: "Darf
ich dazu noch etwas sagen?" 
Und ich antworte: "Sicher, gerne!"
"Effendi!", beginnt der Fremde, "du hast gut gewählt - du hast eine Köstlichkeit des Landes bestellt. - Ein Essen," fährt er versonnen fort "sozusagen ein wunderbares Erlebnis! - Ich habe es beobachtet - und mich mit dir und für dich gefreut!"
Und ich schlucke und schnaufe und wende ein: "Aber der Geschmack? - Völlig ungenießbar!" 
Unbeirrt fährt er fort:
"Effendi - dieses Essen besteht aus vier Gängen. Du hast eine kleine, notwendige und wichtige Vorspeise gekostet. Ich weiß - sie schmeckt, wenn man sie noch nicht kennt, etwas eigen und eher bitter.
Doch sie ist eine Wohltat für den Magen. Sie stimmt ihn ein auf die Köstlichkeiten des Hauptgerichtes und die Abrundung des Nachtisches!" "Aha!" - sage ich, betroffen und erstaunt.
"Sie lockt die Säfte des Magens", fährt er fort, "sie bereitet sozusagen
den Boden, damit das Ganze des Essens zu einem Erlebnis werden kann. - Und dann kannst du auch alle weiteren Gänge dieses wunderbaren Essens staunend genießen! - Doch! - Effendi! - Fälle auch dann noch kein Urteil! -
Der Zauber und die wunderbare Wirkung dieses Essens brauchen Zeit, sich zu entfalten. - Lass dir mindestens einen Tag Zeit - und sei aufmerksam, welche Kräfte dir zur Verfügung stehen, wie du dich fühlst und was du alles machst!
Dann erst bilde dein Urteil - wie es für dich war! - Lass dir Zeit - und gönne dir das Vergnügen! - Und nun erlaube mir, dich wieder zu verlassen und dir viele gute, neue Erfahrungen zu wünschen." - Spricht es, steht auf und geht weiter, tiefer in den Park hinein, und verschwindet. 
Ich bin erstaunt, verwirrt und ratlos.
Während ich mich weiter vom Schatten umschmeicheln lasse, lasse ich das Erlebte in mir nochmals ablaufen, wie einen Film - und nochmals - und nochmals.
Und während ich ein "Aha!" brumme, stehe ich langsam auf, strecke und dehne mich, und steuere dann unternehmungslustig zurück in das Gewühle, zurück in das Restaurant - um zu probieren - um zu überprüfen - was mir der freundliche Fremde eben geraten hat.

Und so mache ich es dann auch:

Ich bestelle das Unbekannte!
Ich lasse mich
ein auf den ungewohnten und eher bittereren
 
Geschmack der Vorspeise!
Ich genieße die Fremdartigkeit und den Zauber des Hauptgerichts!
Ich lasse auch noch die Nachspeise auf mich wirken!
Und dann habe ich auch noch die Geduld,
abzuwarten und 
  geschehen zu lassen!

Und stell' dir vor, am Abend des nächsten Tages ..... 

Er hat jetzt lachende Augen und ein schmunzelndes Strahlen liegt auf seinem Gesicht. - Mit einem leisen Schmatzen umfährt seine Zunge genießerisch die Lippen. Er lehnt sich ganz gelöst und entspannt zurück - und dann versinkt Mario in ein langes, zufriedenes und beredtes  Schweigen.

 

vorgestellt ab 10.10.12  (07)     Schnell sind wir häufig bei der Hand mit der eigenen Einschätzung der Lage oder auch mit Urteilen über andere Menschen, den Partner, die Familie und auch Sachen. Und nach diesen Eindrücken richtet sich dann das eigene Handeln. -  Doch stimmen diese Urteile wirklich? Und wie ließen sich bessere und treffendere Eindrücke finden?

zur Hauptseite 'Partnerschaft' 

    

 

 

Zurück ] Home ] Weiter ]

   >>  INHALT  >>

 
Begegnungen

 
Freude für dich!

 
Kl.Sammlung

      

Partnerschaft 

Überraschungs-Ei

Wilde Blumen

 

© Copyright:    Gerhard Salger, 81377 München                            
 
    Email: g_salger[ät]alltagalschance.de      Internet:  www.abcgs.de 
 
(So kann die Email-Adresse im Internett nicht mehr automatisch ausgelesen werden.)