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Kleine Sammlung 
 

Ronjas Augen

Wie ich zur Vegetarierin wurde

 

In meiner Kindheit (ich wurde 1949 geboren) war Fleischessen etwas ganz Normales - ja mehr noch - es war das Zeichen von Gesundheit und Wohlstand: "Jetzt geht es uns wieder gut!" - der 2. Weltkrieg mit seiner Hungersnot war schließlich noch nicht lange vorbei. 
So wuchs ich auf mit "gesunder Mischkost" (wie man es damals nannte) und fand - obwohl ich Tiere liebte - nichts dabei, sie zu essen. Auch mein großer Wunsch nach einem eigenen Haustier stand dazu nicht im Widerspruch: Hund und Katze waren zum Streicheln, Kuh und Schwein zum Essen - so hatte ich es gelernt. Und da ich kein eigenes Tier bekam half ich mir selber, indem ich mir einen "Pflegehund" suchte, den ich spazieren führte und Zeit seines Lebens liebevoll betreute.
Als ich erwachsen war und einen eigenen Hausstand gründete änderte sich zunächst gar nichts. Zwar briet und kochte ich selbst so gut wie kein Fleisch (vor rohem Fleisch hat mir immer geekelt) aber mit fertiggebratenen Speisen, Schinken oder Leberwurst o.a. hatte ich keine Schwierigkeiten - die brachte ich irgendwie gar nicht mit lebenden Tieren in Verbindung. Bei Berichten über Massentierhaltung und Schlachten schaltete ich den Fernseher aus - so was Grausames konnte und wollte ich nicht sehen - und ich verdrängte alles recht erfolgreich und tröstete mich mit dem Gedanken, dass es wohl soo schlimm nicht sein werde - und dass fressen und gefressen werden nun mal ein Naturgesetz sei.
Auch jetzt hatte ich kein eigenes Haustier: Ich war ganztägig berufstätig und täglich mehr als 10 Stunden außer Haus. Ein Tier solange allein in einer kleinen Etagenwohnung zu lassen grenzte für mich an Tierquälerei - und so ließ ich es lieber bleiben.

Doch dann geschahen drei Dingen fast zeitgleich:

Ich zog in eine lebensfreundlichere Wohnung, bekam einen Teilzeitjob - und last - but not least - holte sich ein in der Nähe wohnender Freund eine kleine Katze - ein italienisches Findelkind - ins Haus. Da er öfters unterwegs war, brachte er Negra - so hieß das Katzenkind - zu mir und ich verliebte mich regelrecht in den kleinen Stubentiger und wollte ihn am liebsten ganz behalten. Schließlich einigten wir uns darauf, dass Negra einmal Mutter werden sollte.  Ich war bei der Geburt dabei - und das war eines der schönsten und ergreifendsten Erlebnisse, das ich je hatte. Dann durfte ich mir mein Wunschkätzchen aussuchen. 

Mit 10 Wochen kam "Ronja Räubertochter", so hatte ich den pelzigen Treibauf getauft, zu mir und von da an veränderte sich mein ganzes Leben. Nicht nur, dass es unheimlich viel Spaß machte mit Ronja zu spielen und zu schmusen. Wenn ich auf einem Spaziergang oder Ausflug einen Hund oder eine andere Katze sah, musste ich jetzt immer an meine Ronja denken. Aber auch Gänse und Enten, Schweine, Kühe, Schafe - alle schauten mich so seltsam an. Mir war so, wie wenn mich alle Tiere auf einmal mit den Augen meiner Katze anschauten!

Ronjas Augen!

Und ich sah in ihnen nicht mehr Schmuse- oder Nutztiere - sondern Individuen - ganz eigenständige, einzigartige Lebewesen.
Ich liebte meine Katze und es wäre mir doch nicht einmal im Traum eingefallen, einen Hund oder eine Katze zu essen. Was aber war eigentlich der Unterschied zwischen einer Katze und einem Schwein oder Kalb oder Lamm? Sie alle wollten doch in ihrer ganz eigenen Art leben und sich entwickeln können. Und hatten sie nicht alle das Recht dazu?

Wieder gab es einen Film über das Schlachten, aber diesmal schaute ich ihn an. Ich hörte die qualvollen Schreie der Rinder, sah die Todesangst in ihren Augen - Augen, wie auch meine Ronja, wie jedes Tier sie hatte. Diese Blicke werde ich nie wieder vergessen. Und dann "erlebte" ich, wie aus einen wunderbaren einmaligem Geschöpf ein blutiger, zuckender, sich aufbäumender Kadaver wurde, der qualvoll langsam starb. Und gleich danach, kam das nächste Tier... Ich saß da und weinte bitterlich. Wie konnte man fühlenden Wesen so etwas antun? Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Nie mehr.         
Fressen und gefressen werden ist ein Naturgesetz - für einen Marder, einen Wolf und einen Tiger. Wir Menschen müssen kein Fleisch essen, wir haben es uns im Lauf der Jahrtausende nur angewöhnt, aber wir brauchen es nicht. Wir haben die Wahl. Ich habe die Wahl. 

Um ehrlich zu sein, ein paar mal bin ich dann noch rückfällig geworden: Die Salamischeibe auf der Pizza, das Fleischpflanzerl bei einem Freund - wenn ich eingeladen war, wollte ich nicht immer "nein" sagen.
Dann machte ich eine Reise durch Griechenland. Die Kellner sprachen nur gebrochen Deutsch. Es war gar nicht so einfach, zu erklären, dass ich kein Fleisch wollte. Eines abends stand ein Teller mit Lammbraten vor mir auf dem Tisch. Sollte ich das Essen einfach zurückgehen lassen? Ich säbelte ein Stückchen Fleisch ab und steckte es in den Mund. Da fielen mir die putzigen Lämmer ein, die ich wenige Stunden zuvor gesehen hatte, wie sie auf der Weide mit staksigen Beinen um ihre ruhig grasenden Mütter gesprungen waren. Ich dachte an ihre Lebensfreude und an ihre unschuldigen Augen - Augen, wie sie auch meine Ronja hat.
Ich kaute auf dem Fleischbrocken herum. Er schmeckte überhaupt nicht gut. Er schmeckte sogar ganz scheußlich! Ich hatte das Gefühl, das Fleisch wurde immer mehr in meinem Mund und ich konnte es nicht schlucken. Diskret entsorgte ich es schließlich in einer Stoffserviette. Dann aß ich ein paar Kartoffeln und etwas Gemüse. Als der Kellner meinen fast vollen Teller sah fragte er in holprigem Deutsch: "Nicht schmecken?" und ich sagte zum ersten Mal den Satz, den ich seitdem bestimmt mehr als tausend Mal ausgesprochen habe: "Ich esse nichts, das Augen hat!"

Ich habe nie wieder einen Bissen Fleisch gegessen.

Meine Ronja ist jetzt 15 Jahre alt. Immer noch schaut sie mich mit ihren unergründlichen Augen an und immer noch sehe ich sie auch in den anderen Tieren. Denen kann ich jetzt mit gutem Gewissen ins Auge schauen, denn ich esse sie nicht mehr!

                                                                Autorin:  Angelika Wohlfarth

 

vorgestellt ab 20.08.11  (10.01.09, 10.11.08)    Vegetarier? Jeder entscheidet sich für seinen Beruf, den Partner, seine Vorlieben und auch dafür, ob er Fleisch essen oder dies lassen möchte. Jeder Mensch ist und isst anders. Wenn man es so sehen kann, kann man auch den Weg von Angelika Wohlfarth interessiert mitgehen. - - -

 

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